Eine Behinderung ist nur eine von vielen Eigenschaften

Hi alle zusammen! Mein Name ist Luca, ich bin 18 Jahre alt, wohne in Gleisdorf und habe vor einigen Wochen mit der Matura meine schulische Laufbahn beendet. 

Der Fußball mit all seinen einzigartigen Eigenschaften ist als Nebensache bislang die wohl größte Konstante in meinem Leben. Egal ob in der Volksschule oder im Gymnasium – der Fußball ist für mich ein zentrales Element. In seinem gesamten Facettenreichtum kann er als bekannteste Sportart der Welt auch als Brückenbauer dienen und dieser Blogeintrag ist ein Produkt eines solchen Ereignisses. Viki habe ich bei ihrem Vortrag im ForumKloster Gleisdorf kennengelernt. Anschließend haben wir uns bei einer Pizza länger unterhalten, ich in der Position eines Fans, da ich regelmäßig die Spiele des Frauen Nationalteams verfolge. Das Gespräch hat sich dann so entwickelt, dass wir total locker und auf Augenhöhe gegenseitig voneinander einiges mitnehmen haben können, was mir extrem viel Freude bereitet hat.

Ach ja, was ihr vielleicht der Vollständigkeit halber wissen solltet – ich sitze von Geburt an im Rolli, da ich „Glasknochen“ habe. Im Prinzip ist das Wort selbsterklärend, denn meine Knochen brechen einfach wesentlich leichter. Hinzu kommt die Kleinwüchsigkeit, also alles nur Details, die man mir nicht ansieht. 😉 Ja, auch Selbstironie begleitet mich täglich. Aber nicht um Dinge zu überspielen, sondern eigentlich nur aus dem einfachen Grund, dass ich die Abwesenheit jener bei Leuten für Zeitverschwendung halte. Über sich selbst zu lachen, zählt immerhin zu den befreiendsten Dingen (natürlich gleich nach dem Jubel im Stadion, wenn die eigene Mannschaft ein Tor erzielt). 

Oft werde ich von Leuten, die mich nicht so gut kennen, gefragt, wie ich es denn so hinbekomme, mit meiner Situation nicht zu hadern. Aus einer neutralen Position scheint diese Frage natürlich berechtigt zu sein, aber eigentlich finde ich sie insgeheim ziemlich lustig. Um genau zu sein finde ich nicht die Frage an sich lustig, sondern den Hintergrund, der zu dieser führt. Fragen entstehen in den meisten Fällen aus einer Diskrepanz zwischen dem eigenen Weltbild und der Realität. Heißt das also in dem Fall, dass in den Köpfen des Großteils der Bevölkerung ein Widerspruch zwischen einer angeborenen Behinderung und natürlicher Lebensfreude besteht? Und dass in weiterer Folge der Ausbruch aus diesem künstlich erzeugten Schema zu den besonderen Ausnahmen zählt? Wenn das tatsächlich so sein sollte, gäbe es da noch etwas Nachholbedarf im diesbezüglichen allgemeinen Denken.

Solange ein Mensch von Geburt an eine Behinderung hat und sein Umfeld einigermaßen intakt ist, ist für ihn die Behinderung in den meisten Fällen nicht mehr als eine Eigenschaft. Die Frage „Was würdest du tun, wenn du keine Behinderung hättest?“ stellt sich nicht, da ohne diese Eigenschaft derjenige in dieser Form schlichtweg nicht existieren würde. Anders ist das Ganze natürlich bei Leuten, die aufgrund eines Unfalls ihren Weg mit einer Behinderung fortführen müssen. Das Denken eines Gesunden muss sich dann erst einmal mit den neuen Umständen arrangieren, was in meinen Augen um ein Vielfaches schwieriger und belastender sein kann. Aber selbst hier gibt es einige, die mit einem noch wesentlich stärkeren Charakter als zuvor zurückfinden. 

Für mich gibt es durchaus Bereiche des Lebens, wo ich persönlich meine Situation ziemlich bedauere. Aber wer hat denn das nicht?  

Ich kann jetzt selbstverständlich nur für Menschen sprechen, die in einer ähnlichen Situation wie ich sind. Ich als Rollstuhlfahrer habe nämlich genauso wenig Ahnung vom Wohlbefinden und von Ansichten von Menschen mit einer ganz anderen Behinderung. 

Wie ihr vielleicht gemerkt habt, nenne ich Dinge lieber beim Namen. Die bisher verwendete Formulierung „Menschen mit einer Behinderung“ ist zugegebenermaßen auch nicht wirklich zufriedenstellend, da zum einen das Wort „Behinderung“ oft und gerne unbewusst durch den Schmutz gezogen wird und zum anderen die „Behinderung“ einfach nur eine Eigenschaft ist und erst das Umfeld die sogenannte „Behinderung“ zu einer „Behinderung“ macht. Mit Formulierungen wie „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ fange ich aber überhaupt nichts an. Insbesondere mit dieser einen, da sie zwar vielleicht gut gemeint ist, aber in der Aussage absolut falsch erscheint. Menschen mit einer Behinderung haben nämlich keine besonderen Bedürfnisse. Jeder einzelne hat das Bedürfnis nach sozialen Kontakten, nach Dazugehörigkeit und nach freier und selbständiger Lebensgestaltung. Nur die Umsetzung verlangt des Öfteren andere Maßnahmen.  

Ich beispielsweise teile mit rund 10.000 weiteren Menschen das Bedürfnis, alle zwei Wochen ins Stadion in Graz zu gehen. Um das zu ermöglichen, braucht es aber andere Vorkehrungen: einen speziell angepassten Bereich für Rollstuhlfahrer.

Ich denke ganz einfach, dass wir unseren Fokus verstärkt auf den Menschen dahinter richten sollten, um ein gemeinsames Wohlbefinden zu erreichen.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass es mich sehr freut, von Viki gefragt worden zu sein, ob ich hier in ihrem Blog einen kleinen Beitrag verfassen möchte. Vielen Dank für diese tolle Möglichkeit und das Vertrauen! Alles Gute weiterhin und viel Erfolg in der neuen Saison!    

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