Corona Diary: life is happening when you are making plans!

Es ist der 11.03.2020 und ich sitze im Flieger auf dem Heimweg von Marbella nach London. Der Lehrgang mit der Nationalmannschaft konnte gerade noch beendet werden. Aber ich spürte in den Tagen davor schon eine gewisse und permanente Anspannung und Ungemütlichkeit in mir. Ich konnte sie noch nicht wirklich zuordnen, wusste aber insgeheim woher das Gefühl kommt. Und je ehrlicher ich zu mir war, desto klarer war es: ich spürte, dass sich etwas Großes anbahnt, dass große Veränderungen und Auswirkungen bevorstehen. COVID-19 ist angekommen. Nicht nur in Asien, nicht nur in Italien, mitten unter uns, mitten im Leben.

Die darauffolgenden Tage brachten große Veränderungen mit sich: die Unterbrechung des Spielbetriebs in England, die Schließung des Trainingsgeländes aufgrund des positiv getesteten Cheftrainer der Männer, Mikel Arteta, und eine große Ungewissheit und Unsicherheit innerhalb des Teams und der gesamten Gesellschaft.

In Absprache mit dem Verein und gerade noch rechtzeitig konnte ich kurz darauf nach Norwegen zu meiner Freundin fliegen. Denn eines war klar: es stehen schwere Zeiten bevor und die mentale Gesundheit sollte bestmöglich garantiert sein. Ich bin sehr froh, dass Arsenal sehr viel Wert auf die mentale Verfassung der SpielerInnen legt und nicht nur auf die Aufrechterhaltung der physischen Kondition und Fitness.

Und plötzlich schienen Ereignisse und Events, die vor ein paar Tagen und Wochen noch so nah und greifbar waren, ganz weit weg: FA Cup Viertelfinale, Champions League Viertelfinale, Nord-London-Derby, Ligaspiele in Manchester, Brighton usw., Sponsoringmaßnahmen und Speaker-Auftritte. Die Vorfreude und Aufregung in Hinblick auf all diese Maßnahmen, Termine und Pläne wurden wie durch ein Fingerschnipsen abgelöst. Nicht nur in England, nicht nur in Österreich, sondern global – auf dem Planeten Erde. Abgelöst durch COVID-19, das Coronavirus.

 

 

Für mich war plötzlich alles anders, alle Routinen unterbrochen: keine Termine, keine Trainings, keine Spiele und viel mehr Zeit als ich in all den letzten Monaten hatte. Ich war persönlich in der glücklichen Situation, dass sowohl meine Familie als auch ich finanziell abgesichert und gesund waren. Ich verspürte Dankbarkeit dafür. Denn ich wusste, dass es viele tausende Menschen gibt, die nicht gesund waren und aufgrund des Virus ihr Leben verloren. Ich wusste von all den Zahlen und jener Menschen, die sich plötzlich in existentiellen Schwierigkeiten befanden.

Für mich standen Wochen bevor, in denen ich sehr viel Zeit zum Nachdenken, zur Reflexion, aber auch viel Raum für andere und neue Dinge hatte. Viele Tages- und Wochenroutinen sowie Möglichkeiten fielen aufgrund der Situation und Umstände weg. Und trotzdem konnte ich eine Sache für mich feststellen: wir können auf extrem viel verzichten, ohne dass unsere Lebensqualität und unser Lebensglück sinkt.

Und umso weniger passierte, umso weniger konsumiert wurde, desto mehr konnte ich jene Dinge schätzen, die in diesem Moment existierten und präsent waren: meine Familie, meine Freunde, meine Freundin, meine Zeit, die Natur, der Sport, das Tempo und der Rhythmus dieser Tage und die natürlichen und ungezwungenen Impulse, neue und ganz simple Dinge zu tun und auszuprobieren. Es entstand plötzlich eine neue Lebendigkeit jedes einzelnen Momentes für mich. Ohne groß voraus zu planen und ohne mich zu sehr zu sorgen, versuchte ich den Moment zu genießen.

Ich erkannte aber auch, dass grundsätzlich zwei Arten von Ängsten existieren. Gerade in der jetzigen Situation wurden diese zwei Typen für mich noch deutlicher: ich möchte es die „gute Angst“ und „schlechte Angst“ nennen. Und wichtig ist, dass man diese erkennt und unterscheidet. Die schlechte Angst ist real. Sie beruht auf existentiellen Problemen: wenn man Mitmenschen verliert, wenn nahestehende Personen krank sind, wenn man um seinen Arbeitsplatz bangt oder seinen Job verliert.

Die gute Angst kann allerdings aufgrund der Bombardierung von Nachrichten, aufgrund von Fake-News und aufgrund der Tatsache der Nicht-Kontrolle einer Situation entstehen. Diese Angst ist nur teils real. Sie wird produziert, provoziert und proaktiv kontrolliert – oftmals von außen und extern. Wenn man diese Angst als solche anerkannt, kann es zu Bewusstsein und schließlich zu Veränderung führen, was grundsätzlich positiv und gut ist.

Die Tatsache, dass wir noch immer nicht wissen, welche Auswirkungen und Konsequenzen die Coronakrise auf uns haben wird, nehme ich persönlich als „gute Angst“ wahr. Ich sehe diese Angst vor der Unwissenheit und dem Nichtkontrollierbarem als eine Reise in das Unbekannte und als eine Chance, dass eine bessere Welt, ein besseres Miteinander und zeitlose statt temporäre Werte und Ideen entstehen: Mehr Liebe, mehr Mitgefühl, mehr Geschlossenheit, mehr Verbundenheit und mehr Güte.

In diesem Sinne #stayhealthy & #staysafe
Eure Viki

Eine Antwort

  1. Hallo Viki,
    Ein sehr bewegender Beitrag von dir. Vielen Dank, daß du uns so intensiv an deinen persönlichen und privaten Gedanken und Abläufen teilhaben lässt. Es beweist mir wieder einmal, daß du meine Lieblingsspielerin bist, nicht nur weil du eine großartige Fussballerin bist, die ich unglaublich gerne spielen sehe, sondern auch ein toller, reflektierter, intelligenter Mensch. Du stehst mit beiden Beinen mitten im Leben und benennst die Dinge, die um dich herum und in der Welt ablaufen, in einer Deutlichkeit, wie das nur wenige deiner männlichen Berufskollegen tun (können). Daher nochmals Kompliment und Danke für deinen Beitrag! Ich freue mich auch sehr, daß du dein privates Glück gefunden hast, dazu stehen kannst und daraus so viel Kraft schöpfst. Ich schätze mich glücklich, daß ich nun schon seit 4 Jahren deinen Weg als Fussballerin begleiten und dich unterstützen darf und hoffe, dies weiterhin bei den Arsenal WFC tun zu können. Denn dieses Team ist mir -dank dir- sehr ans Herz gewachsen und ich werde die Arsenal WFC, neben „meinen“ Bayern auch künftig dauerhaft supporten, natürlich am liebsten mit dir! Alles Gute, bleib gesund, und auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen im Meadow Park.
    Dein Fan Andreas.

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