Aus einem neuen Blickwinkel – ein Karriereende und eine Umwandlung (FTM-Frau zu Mann)


Ich war noch nie ein Fan von Schubladen, hätte mich auch nie als klischeehafte lesbische Tennisspielerin bezeichnet. Aber ich glaube das würde dem, wie ich meine Sportler Karriere verbracht habe, am nähesten kommen. Eine lesbische Profi-Tennisspielerin. So weit so gut.
 
Wäre da nur nicht die Zeit nach dem Karriereende, in der man zur Ruhe kommt und wahrscheinlich zum ersten Mal so richtig zum Grübeln anfängt. Die Gedanken drehen sich um das, was man in den letzten 10 Jahren Profisport alles erfolgreich verdrängt hat, während man doch so fokussiert auf seine Selbstoptimierung und Performance war und sich nie die Zeit gefunden hat ernsthaften Themen auf den Grund zu gehen.
 


 
Also, da war ich nun Ende 2014 mit 26 Jahren: ausgebrannt, körperlich am Ende und mental erschöpft. Und was nun? Mich mit meinen (nicht-existenten) Millionen Euro des Preisgelds zur Ruhe setzten und an die Côte d’Azur verziehen? Wohl kaum.
Ein neues Projekt musste her, Geld verdienen, mal richtig leben und die Sau rauslassen.
Nach 7 Tagen, in denen ich die besagte Sau rausgelassen habe, hatte ich schon wieder genug davon. Geld verdienen gestaltete sich auch schwieriger als gedacht, wollte ich doch erst mal nichts mit Tennis oder Sport zu tun haben. So kam es, dass ich mich mit Bar Jobs und Aushilfsarbeiten über Wasser gehalten habe.
Erst nach gut 6 Monaten in dem mich weder das Gym noch der Tennisplatz einmal wieder gesehen hätte, bin ich zur Ruhe gekommen und konnte mich anschließend auch wieder mit dem Sport versöhnen. 
 
Ich habe mich dann 2015 für Tennis-Trainerstunden und für die 2 Jahre dauernde, staatliche Tennissportlehrer Ausbildung entschieden. Beruflich lief alles sehr gut in den darauffolgenden Jahren. Ich konnte zu meinen Tennisstunden einen Geschäftsführer-Posten in einem Gastronomie-Betrieb dazu gewinnen und war sehr zufrieden damit. Auch ging ich regelmäßig wieder mit auf WTA- und ATP-Tennisturniere und betreute anderen Profispieler*Innen, die noch nicht das Handtuch geworfen haben 🙂
Es hatte sich soweit alles eingependelt.
 
Es war dann 2017 in einem Urlaub auf Mallorca, in dem ich neben dem Pool in der Sonne lag und mir ein Hörbuch angehört habe. Meine Schwester lag mir schon seit Wochen damit in den Ohren, dieses eine Hörbuch unbedingt mal anzuhören, weil es doch so großartig wäre.
Es war einer von diesen 1000 Ratgebern wie man sein Leben noch lebenswerter machen muss. Ich war wenig begeistert, aber hatte auch wirklich keine Ausrede, um es nicht anzuhören. Zeit war gerade genug vorhanden, Tennisschläger sind im Urlaub generell nie dabei und meine damalige Freundin und ich hatten vor ein paar Tagen Schluss gemacht.

Also Kopfhörer auf und durch. Das Hörbuch war wie erwartet nicht besonders spannend. Ein gefühlter 180-stufiger Plan, den man doch nur jeden Tag 24 Stunden für Minimum 1 Jahr verfolgen sollte, um spürbare Verbesserungen in seinem Leben wahrzunehmen, klasse! – Gar kein‘ Bock.

Nur gab es eine Sache, die mich nicht losgelassen hat. Dieser Mensch, der mich mit seiner übertrieben motivierten Sprechweise und seinen Plänen zur Selbstfindung nervte, sagte immer wieder diesen einen bestimmten Satz: „Finden Sie heraus, was sie WIRKLICH wollen!“

Toller Tipp, danke!

Meine Antwort darauf war: „Na was soll ich schon wollen? Eine Familie, ein Haus, eine Ehefrau, 84 Milliarden Euro auf dem Konto und eventuell ein paar Kinder“ – Standard halt.
Thema beendet.

Der Hörbuch Typ darauf wieder: „Egal, wie deine Antwort eben lautete, was möchtest du WIRKLICH?“
(Wir waren inzwischen beim Du)

Ich: „Ja keine Ahnung, ich hätte gerne das perfekte Leben und wäre gerne nie wieder einsam, aber wie soll das gehen?“

Dieser kleine Mistkerl lies aber nicht locker: „Denke darüber nach, was du als Kind wolltest. Eventuell hast du es auch verdrängt oder vergessen?“

Ich war inzwischen schon ziemlich genervt und gab mental pampige Antworten zurück. Meine Antwort war: „Was ich als Kind wollte, möchtest du wissen? Ich erinnere mich leider nicht mehr daran! Wer merkt sich sowas auch.“
„Aber ich kann dir sagen, was ich definitiv nicht wollte als Kind: Ein Mädchen sein.“

Ups!

Wo kam das auf einmal her? Ich war etwas peinlich berührt über diesen Gedanken.
Ich muss sagen, dass das im Nachhinein ein Schlüsselerlebnis war für mich, welches mich noch ziemlich ins Grübeln gebracht hatte.

Die Erinnerungen an meine Kindheit kamen zurück. Wie ich es gehasst hatte ein Mädchen zu sein und wie ich viel lieber ein Junge sein wollte. Ich habe Mädchenkleidung und Spielsachen für Mädchen kategorisch verweigert. Bei fremden Menschen habe ich mich teilweise als Junge vorgestellt, was unweigerlich zu Verwirrungen und den ein oder anderen sehr peinlichen Moment geführt hatte, wenn meine Mutter das dann irgendwann „richtiggestellt“ hat.  

Ich kann mich erinnern, dass sich mein Verhalten drastisch in der 5. Klasse verändert hat. Es wurde von meinen Mitschülern nicht länger akzeptiert, dass ich mich wie ein Junge kleidete und so verhalten habe. Ich wurde deswegen aufgezogen und ausgegrenzt. Es ging so weit, dass ich nicht mehr in die Schule gehen wollte und ich jedes Mal Bauchschmerzen hatte, bevor ich in die Klasse gegangen bin.
Ich habe das Ganze in etwa ein Jahr über mich ergehen lassen bis ich versucht habe mich anzupassen, nur damit es aufhört.
Meine Lösung war es, mich zu schminken und weiblichere Klamotten zu tragen.
Das mit den Mitschülern wurde dann auch langsam besser und sie ließen mich zufrieden.
 
Als ich dann älter wurde, habe ich herausgefunden, dass ich auf Frauen stehe. Das ganze Thema hat sich dann mit dem Sport etwas entspannt und dieses Gefühl, lieber ein Junge zu sein, habe ich unabsichtlich verdrängt.
Ich habe 5 bis 6 Stunden täglich trainiert und war fast 365 Tage im Jahr unterwegs. Der Sport hat mich ziemlich in Beschlag genommen – körperlich und geistig.

Nach meinem “Hörbucherlebnis” kam eine weitere Situation hinzu, die mich echt getriggert hat. Ich war mit meinem Bruder und einem Freund in einem Lokal. Der Freund hatte eine neue Handy App entdeckt, in der man sehr UNlustige Effekte auf Fotos legen konnte, z.B. Sonnenbrillen, Bärte, Hüte und dergleichen. Man konnte aber auch das Geschlecht einer Person ändern. Wir haben uns einen großen Spaß draus gemacht, indem wir ein Foto meines Bruders bearbeiteten und ihn in ein hübsches Fräulein mit Lippenstift und Makeup verwandelten. Wirklich entzückend, HA HA HA.

Im Gegenzug dafür revanchierte er sich natürlich bei uns und verwandelte den Freund auch in ein Mädchen und mich in einen Mann mit Bart. Das war alles sehr lustig. Bis ich das Foto von mir gesehen habe. Dabei ist es mir kalt den Rücken heruntergelaufen. Das war ICH als Mann mit Bart. Täuschend echt aussehend. Meine Augen und meine Lippen waren gleich, nur eben in männlicher Form. In dem Moment dachte ich mir nur „Shit, was würde ich dafür tun, um so auszusehen und ein Mann zu sein.“

Von da an gab es kein Zurück mehr für mich. Ich Informierte mich darüber, wie eine Umwandlung von statten geht. Gott sei Dank hatte ich durch meine LBGTQI*-Freunde und deren Kontakte keine Schwierigkeiten damit mich mit anderen in meiner Situation zu vernetzen.

Es sei vorweggesagt, dass es alles andere als einfach ist in dem Behörden- und Vorschriften-Dschungel Deutschlands seinen Namen und seinen Personenstand ändern zu lassen und eine Erlaubnis zur Verabreichung von Hormonen zu bekommen. Es braucht sehr viele Gutachten, unzählige Termine bei Ärzten und sehr langen Wartefristen. Die behördlichen Hürden für eine Geschlechtsangleichung sind sehr hoch, es ist aber zugegeben auch eine schwerwiegende Entscheidung, die man nicht jeden Tag trifft und bei der man sich schon ziemlich sicher sein sollte.

Ich bin nun seit mehr als 3 Jahren auf diesem Trail. Ich bekomme täglich Hormone über ein Gel, welches ich mir auf den Oberarm auftragen muss.
Die wichtigsten Operationen habe ich bereits hinter mir, Schmerzen und Krankenhausaufenthalte inklusive.

Für mich war es die richtige Entscheidung und ich möchte nie wieder einen Tag als Frau verbringen.



Wie ist nun mein Fazit?
Bin ich jetzt völlig ausgelassen und jeden Tag superglücklich, egal was kommt? Habe ich jetzt alles, was ich mir jemals erträumt habe? Nein, und ich glaube, das ist auch nie der Anspruch gewesen.

Bin ich dennoch in mir zufrieden, viel ausgeglichener in meiner Persönlichkeit und fühle mich angekommen? Ja, definitiv. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich meine Brustmuskeln im Spiegel sehe und gehe genau dafür 5-mal die Woche ins Gym. Hell YES!

Aber was sind gute und schlechte Erfahrungen in Bezug auf meine Umwandlung?

Es gibt selbstverständlich die Momente, in denen ich auch sehr traurig bin, wenn z.B. eine Frau zu mir sagt, dass ich eigentlich der perfekte Mann für sie wäre, wenn es nur nicht so wäre, wie es ist.

Ich wünsche mir auch Kinder, kann aber natürlich nicht selbst welche zeugen.
Das ist wohl das Schwierigste für mich an der ganzen Sache.
Auf der anderen Seite muss ich sagen, war es für mich auch nie wirklich ein Thema, selbst ein Kind zur Welt zu bringen. Schon als Frau habe ich mir vorgestellt, dass es wahrscheinlich besser wäre, wenn meine Partnerin den Teil mit dem schwanger Sein übernimmt und ich mich um alles Weitere kümmere. Um ihr so gut es geht den Rücken freizuhalten.

Es gibt wiederum aber auch sehr viele schöne Momente. Dazu gehört definitiv, dass ca. 99% meiner Freunde überhaupt kein Problem aus meiner Umwandlung gemacht haben und sie mich – ganz im Gegenteil – immer unterstützten und für mich da waren.

Auch meine Familie und gerade meine Eltern, für die es sicher nicht einfach war ihre Tochter in gewisser Weise zu “verlieren”, haben es akzeptiert und mich nie daran zweifeln lassen, dass sie mich lieben und hinter mir stehen. Was natürlich nicht heißen soll, dass meine Outings – es gab ja insgesamt zwei davon (das Erste als lesbische Frau mit 19 Jahren und das Zweite als straighter Mann ca. 10 Jahre später – in meiner Familie nur große Freude ausgelöst hätten. Gerade mein Vater hatte ein großes Problem zu akzeptieren, dass ich auf Frauen stehe. Er hat sicher 2 Jahre damit gerungen, bevor es für ihn nicht mehr so schlimm zu sein schien. Mein Outing als Mann hat er wiederum ohne große Reaktion aufgenommen und hat mich nach kurzer Zeit als seinen Sohn akzeptiert. Meine Mutter hingegen musste stark damit kämpfen, dass ich als Mann leben wollte. Sie hat auch leider im Zusammenhang zu meiner Umwandlung mehr als nur eine Träne vergossen. Natürlich war das Letzte, was ich jemals wollte, meine Eltern traurig zu sehen. Aber jeder muss seinen eigenen Weg im Leben finden und das war nun mal meiner. Umso drastische Veränderungen zu akzeptieren, brauchen die Menschen Zeit und die habe ich ihnen auch gelassen.

Was sind die weiteren Ziele in meiner Zukunft? Was möchte ich also WIRKLICH noch? Dieses verflixte Hörbuch 😉

Privat: Ich wünsche mir irgendwann eine eigene Familie, mit allem was dazugehört. Ich habe aber überhaupt keinen Zeitdruck und freue mich auf alles, was das Leben noch für mich bereithält.

Beruflich: Ich habe bereits vor meiner Umwandlung mit dem Studium der Sportpsychologie begonnen, um jungen Spielern besser mit ihren mentalen Blockaden helfen zu können. Zudem habe ich im Jahr 2018 mit klinischer Psychologie begonnen und mache gerade eine Weiterbildung zum Paar- und Sexualtherapeuten.

Ich möchte gerne LBGTQI*-Paare unterstützen und auch gerade jungen Menschen helfen, ihren Weg für sich zu finden, um mit sich selbst im Reinen zu sein. Ob nun Hetero oder LBGTQI* spielt dabei keine Rolle. Das Thema Sexualität, Selbstfindung und der eigene Platz in der Gesellschaft kann für jeden Menschen eine Herausforderung darstellen, unabhängig von Alter, Geschlecht, oder Sexueller Orientierung.
Viele Menschen sind scheinbar sehr tolerant heutzutage. Es ist aber immer noch eine andere Geschichte, wenn es die eigene Familie betrifft und zum Beispiel das eigene Kind oder der Partner einen anderen Weg beschreiten wollen als den, den ihr Umfeld für sie vorausgesehen hat.

Auch gerade im Bereich Sport, wo oft vergessen wird, dass es einen sozialen Ausgleich geben muss.
Und wo die Jugendlichen nicht alles auf “später” verschieben können, bis sie an ihrem Karriereende angelangt sind.


Um zum Ende zu kommen, möchte ich dir liebe Leser*In nur eine Sache ans Herz legen: Lass dich nicht in eine Schublade stecken – jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und das ist gut so.
Es wird selten ein Thema geben, bei dem alle Menschen in deinem Umfeld im Einklang einer Meinung wären. Und was du mit deinem Leben machst und mit wem auch immer du gerne dein Bett teilen möchtest, geht nur dich was an.
Das heißt nicht, dass man auf keinen mehr Rücksicht nehmen sollte und auf Teufel komm raus rebellieren muss. Aber bei manchen Menschen hat man auch schon viel erreicht, wenn sie deine Art zu leben, irgendwann, einfach nur still akzeptieren können.
Es wird vielleicht auch Menschen geben, die deine Art zu leben nie teilen werden. Das ist natürlich schwer, aber ich verspreche dir, dass es wiederum andere Menschen geben wird, die dich bedingungslos lieben werden einfach nur dafür, weil du bist, wer du bist.

Abgesehen davon gibt es nur einen auf dieser Welt, dessen Meinung du immer und jederzeit beherzigen solltest: der Mensch, der dir im Spiegel gegenüber steht und dir in die Augen sieht.

 

Ich bedanke mich fürs Lesen und bei meiner lieben Freundin, Viktoria Schnaderbeck, für die Chance meine Gedanken in deinem mit viel Herzblut gestalteten Blog zu teilen. Weiter möchte ich meine Bewunderung für dein Engagement in der LBGTQI* Community und in der Sportwelt aussprechen.

Wenn ihr noch Fragen oder Anregungen habt, die ihr mit mir teilen möchtet, könnt ihr mich gerne auf meinen Instagram Account anschreiben. Dort findet ihr auch noch mehrere Bilder zu meiner Umwandlung.
@stonemunich 

Liebe Grüße, Jesse

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