Altes Handwerk – Neue Kommunikation

Liebe auf Umwegen

Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich immer schon wusste “was ich mal werden möchte“, aber als ich dann meine Wirtschaftsmasterstudien abschloss und mich die Karriereleiter hocharbeitete, war ich gut in dem was ich tat, es machte mir Spaß und so schien der Weg eigentlich klar. Typisch Wirtschaftlerin, kam mir irgendwann die Idee eine Ledertasche, die ich für mich selbst entwarf, noch ein paar Mal machen zu lassen und zu verkaufen.

Gesagt, getan, spazierte ich in die Werkstatt einer der letzten Taschner Österreichs und da hat’s mich erwischt. Es war wie Liebe auf den ersten Blick: der knarrende Holzboden, der ehrliche Ledergeruch und die Werkzeuge, denen man ihre vielen Geschichten ansah. Und naiv wie man verliebt so ist, dachte ich mir: ach, das kann ich selbst auch und fand mich wenig später im Bauhaus voll bepackt & motiviert wieder. Dass man aber einen ganzen Handwerksberuf nicht mit einem Baumarktbesuch abdeckt, war mir ebenso schnell klar. Doch das Feuer brannte bereits so stark, dass es kein Zurück mehr gab. Das „Problem“ in Österreich ist allerdings, dass die so genannte Ledergalanteriewarenerzeugung ein reglementiertes Gewerbe – und somit nicht einfach ausübbar – ist. Gleichzeitig gibt es aber auch nur mehr selten und vereinzelt Lehrstellen. Es war also klar: 1. Ich muss mir alles selbst beibringen (mit einem kleinen Ausflug nach Japan, aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal) und 2. ich musste die Gesellenprüfung nachholen. 

Umgesattelt

So war ich dann 2018 der einzige Mensch aus ganz Österreich, der in der einzig verbliebenen Berufsschule für Sattlerberufe den Lehrabschluss für die Ledergalanteriewarenerzeugung anstrebte. Seither betreibe ich in der Salzburger Getreidegasse eine Werkstatt für Maßanfertigungen, Reparaturen und Restaurationen rund ums Leder von Uhrenarmbändern bis Schreibtischunterlagen. Und das obwohl das Handwerk doch tot zu sein scheint?

Ist Handwerk im 21. Jahrhundert noch „zeitgemäß“?

Das Gerücht treibt sich um, dass „maschinelle Erzeugung, die fehlerfreier und effizienter ist, Massenproduktion, die billiger ist, und die Digitalisierung, die das Interesse junger Menschen mehr anzieht als so manch alter Beruf, das Handwerk aussterben lassen. Denkste: denn die Praxis hat mich so einiges anders gelehrt. Es mag mit der Seele zu tun haben, die man einem Produkt einhaucht, wenn es hunderte Male durch seine Hände geht. Etwas, das schwer zu erklären, aber auch unmöglich „zu produzieren“ ist. Das, was mich bei meinem ersten Werkstattbesuch berührte, spüren die Menschen, die sich etwas anfertigen lassen. Etwas, das von anderen Menschen gemacht wurde und eine Maschine nie leisten kann. Und so sollten wir auch koexistieren: das, was Effizienz und Gleichheit braucht, muss der Mensch nicht mehr machen und kann sich daher darauf  „spezialisieren“ wo es um Verbindung, Vertrauen und Erlebnis geht.

Das zeigt auch der Umschwung, den wir in allen Bereichen beobachten: Wo kommt das Gemüse her? Wie wurde das Holz behandelt? Wieviel CO2 Ausstoß hat mein Auto? Wir interessieren uns wieder mehr für das was hinter dem steht, was wir nutzen und konsumieren und da kommt Social Media ins Spiel. 

Altes Handwerk – neue Kommunikation

Wir arbeiten mit einem der ältesten Materialien der Welt und mit Werkzeugen, die sich seit Erfindung nur wenig verändert haben. Das heißt aber nicht, dass wir uns vor der Entwicklung der Gesellschaft verschließen sollten, sondern im Gegenteil Brücken zwischen „Altem“ und „Neuem“ bauen sollten, sodass der Fortbestand ohne den Charakter zu verlieren gesichert ist. Ich habe kein Schaufenster in die belebte Getreidegasse – und auch wenn ich eines hätte wäre es in Zeiten wie diesen wenig hilfreich, da niemand vorbei kommt. Mein Schaufenster ist mein Handy. Ein Schaufenster, das mir plötzlich ermöglicht der ganzen Welt Einblick zu gewähren. Ich bin auch nicht abhängig von anderen Medien, dass sie mich und meine Nachrichten covern. Ich kann Menschen jeden Tag alles rund um Qualität, Handarbeit und Naturmaterialien erzählen und mir so ein Vertrauen erarbeiten, das darauf basiert, dass jede/r jeden Tag Einblick in meine Arbeit hat. Diese Art der Transparenz schafft eine Bindung zu potenziellen KundInnen und ein Vertrauen in die Arbeit. In Zeiten, wo alles in Hülle & Fülle verfügbar ist, ist es schwer den Durchblick zu behalten. Hinzu kommt, dass Menschen, die etwas bei mir kaufen, quasi zusehen können wie es hergestellt wird. Sie bekommen ein Wissen über ihr Produkt an die Hand, womit sie einen ganz anderen Bezug haben. Sie können dieses Wissen in Gesprächen auch weitergeben und fühlen sich so empowert und bestätigt in ihrer Kaufentscheidung. Tot ist das Handwerk bei Weitem nicht und mit einer Portion Aufgeschlossenheit und Mut kann es auch noch lange bestehen ohne sich verbiegen zu müssen. 

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